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Wir möchten verschiedene Kulturen als Reichtum auffassen. Die deutsche Kultur verständlich machen. Werte erklären. Andere Weltbilder und Lebensvorstellungen entdecken. Über die Unterschiede offen diskutieren, Gemeinsamkeiten erkennen. Gemeinsam die Herausforderung annehmen das Menschliche hervorzuheben. Zusammen kochen, tanzen, feiern, erzählen, Bilder und Filme anschauen. Das Schöne an Deutschland zeigen: Die Natur, Kultur, Demokratie, Freizügigkeit und Hilfsbereitschaft. Einfach Brücken bauen von Herzen zu Herzen. Jeder ist willkommen. Ohne Anmeldung, jeden zweiten Sonntag im Monat in der Heinrich-Barth-Straße 19.




Ein Erfahrungsbericht


Die Arbeitsgemeinschaft Interkulturelles Leben (Winter 2017)

 

Im Februar 2016 wurde die Folgeunterkunft Sophienterrasse von Geflüchteten aus Syrien, Afghanistan, Eritrea und Irak bezogen. Von Familien und allein gereisten Männern. Um ihnen beim Ankommen zu helfen, beim sich Zurechtfinden im neuen Stadtteil, beim Lernen der deutschen Sprache und Gebräuche standen mehr freiwillige Helfer parat als neu zugezogene Bewohner. Auch wir, die AG Interkulturelles Leben.

 

Wir hatten uns vorgenommen, den Geflüchteten in jeder Hinsicht bei der Integration behilflich zu sein, besonders aber unsere kulturellen Erfahrungen auszutauschen und vor allem ganz viel miteinander zu reden. Und zwar auf Deutsch und über ALLES. Es sollte keine Tabus geben. Aber auch verschiedenste Ausflüge standen und stehen in unserem Programm. In die Welt der Künste, der Genüsse und in die Natur.

 

Von der Unterkunftsleitung wurde der Wunsch an uns herangetragen, wir mögen uns in erster Linie um die alleingereisten Männer kümmern, da es für Familien und besonders für Kinder bereits ein umfassendes Angebot gebe.  Die „Gespräche am Sonntag“ oder „Ausflüge am Sonntag“ wurden zu unserer „Marke“, wobei sich unsere Treffen mit den Bewohnern der „Sophie“ schon lange nicht mehr nur auf den Sonntag beschränken. Das Angebot hat sich auch auf die Nachfrage eingestellt, und es kommen nicht mehr nur die allein gereisten jungen Männer, sondern auch Frauen, die inzwischen gelernt haben, dass sich ihr Leben in Deutschland nicht mehr nur zwischen den Wänden ihres Zimmers oder ihrer Wohnung abspielen muss.

 

Eine interessante Erfahrung war das erste gemeinsame Kochen mit den jungen Männern im Mai 2016. Unsere AG hatte sich tatsächlich vorgenommen, diese mit typisch deutschen Gerichten herauszufordern wie Matjes auf Vollkornbrot, Spargel mit Schinken (Pute!), Pellkartoffeln mit Kräuterquark und Erdbeeren mit Schlagsahne. Achtzehn junge Männer halfen uns bereitwillig beim Schneiden und Schnipseln und rührten voller Inbrunst in den Töpfen. Beim gemeinsamen Essen war ihre „Unterstützung“ dann nicht mehr ganz so enthusiastisch. Glücklicherweise hatten wir aber auch weiße Baguettes und eine Suppe mit leicht orientalischem Einschlag auf dem Tisch...

 

Inzwischen essen die „Jungs“, wie sie sagen, sehr gerne „deutsch“. Wenn man sie dann allerdings fragt, was sie denn Deutsches zu Mittag gegessen hätten, tönt es voller Begeisterung: Döner!

 

Auch Opernbesuche, großzügig gesponsert von der Hamburgischen Staatsoper, sind für die Geflüchteten eher gewöhnungsbedürftig. Die Atmosphäre, das Gepflegte, etwas Feierliche gefällt den meisten. Mit der Musik und der Ausdauer ist es dann etwas schwieriger. Da wird man schon mal von der Seite angestoßen und mit der vorsichtigen Frage, „Wann endet es?“ konfrontiert. Oder es werden während der wunderschönen Arie der Königin der Nacht auf den Handys die Fußball-Ergebnisse gecheckt. Andererseits hatten wir auch des Öfteren die Gelegenheit, gemeinsam arabische Konzerte zu hören und zu erleben, wie sich grüblerische und in sich gekehrte junge Männer zu der Musik ihrer Heimat in hinreißende Tänzer verwandelten. Oder wir haben gemeinsam bei „Hamburg singt“ den 500-Personen-Chor bei seinen Proben erst mal so richtig zum Rocken gebracht.

 

Die Gespräche aber waren, sind und bleiben das Wichtigste bei unserer Arbeit. Gegenseitig lernen wir viel voneinander, wir vertrauen einander, und es gibt tatsächlich keine Tabus. „Unsere Jungs“ bewegen sich inzwischen durch die Stadt, als wären sie hier aufgewachsen, aber auch uns aus der AG würde in einem ihrer Herkunftsländer kein Faux Pas mehr unterlaufen. Sogar die deutsche Pünktlichkeit haben inzwischen fast alle einigermaßen verinnerlicht, während wir von der AG gelernt haben, etliche unserer nicht so sympathischen typisch deutschen Eigenarten ad acta zu legen und dem Buddha in uns mehr Raum zu geben.

 

So haben wir viel Freude miteinander und profitieren alle von der vielgelobten Win-Win-Situation. Und „Integration“ können unsere Jungs inzwischen nicht nur schreiben, sondern sie sind auf dem direkten Weg dorthin.

 

Einige kleine interkulturelle Geschichten zum Abschluss:

 

Bei unserem letzten Sonntagstreffen bat ich die „Gäste“ sich bei Interesse für eine Rathausführung einzutragen. Pünktlich um 13:30 wollten wir an der Sophienterrasse losgehen, um gemeinsam mit dem Bus zum Rathausmarkt zu fahren. Da einige Neue dabei waren, fragte ich noch einmal vorsichtshalber in die Runde: „Was bedeutet pünktlich?“ Elyas, der noch die normale Schule besucht, meldete sich enthusiastisch: „Ich weiß, pünktlich ist 15 Minuten früher!“

 

Eritreer, die vom Land kommen, haben meist mehr Schwierigkeiten mit der manchmal sehr abstrakten deutschen Sprache als andere Geflüchtete, die eine richtige Schullaufbahn aufzuweisen haben, dafür aber viel Phantasie. So fragte ich einen der Jungs, ob er verstanden habe was der Ausdruck „eine große Rolle spielen“ bedeute. „Ja,“ sagte er strahlend, „Zimmer ist groß, kann man Fußball spielen!“ In den drei Wörtern „groß, spielen und Rolle“ hatte er seinen ganz eigenen Sinn entdeckt. Ob die Prüfer bei der B1-Prüfung das allerdings honorieren werden...?

 

Mein Mann war gestorben, und etliche unserer Schützlinge hatten an seiner Beerdigung teilgenommen. Zwei Tage später erschien bei mir eine kleine arabisch-afghanische Delegation und befragte mich mit ernsten Gesichtern über meine Pläne für die Zukunft.

 

Es dauerte einen Moment, bis ich verstand, dass sie sich Sorgen machten, wie es bei mir ohne männlichen Schutz weitergehen sollte. Ich war sehr gerührt, dass sie sich anscheinend in irgendeiner Art zuständig für mein Wohlergehen fühlten, konnte sie aber offenbar beruhigen. Denn als ich sie fragte, ob sie mich als schwache Frau kennengelernt hätten, die es nicht allein schaffen würde, schüttelten sie doch sehr erleichtert, dass ich ihnen die große Verantwortung abgenommen hatte, ihre Köpfe.

 

Mohammad erzählte, er habe in Syrien neben Schule und Studium bereits ein kleines Restaurant betrieben. Ich erwiderte, das sei ja wunderbar, dann könne er ja mal für die interkulturelle AG arabisch kochen. „Ich habe aber Italienisch gekocht“, meinte er stolz. „Was denn?“, fragte ich. „Cordon Bleu!“ war die Antwort. Auf meinen Einwand, das sei aber keine italienische sondern eindeutig französische Küche, jubelte er beglückt: „Juhu, ich kann Französisch kochen!“

 

Kristin von Giese

 

Leitung der AG Interkulturelles Leben



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